Chronik – Johannisberg

Der vergessene Berg

Nach der Zerstörung des Schützenhauses am 30.09.1944 war es der Bielefelder
Schützengesellschaft von 1831 e. V. aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich, das
Schützenhaus wieder vollständig aufzubauen. Das mit einem sehr hohen Aufwand
hergerichtete Provisorium konnte nicht den hohen Erwartungen, die die Bielefelder
an den Johannisberg knüpften, entsprechen. So verlor der Johannisberg seine frühere
Anziehungskraft, auch wenn die Schützengesellschaft sowie die Stadt sehr bemüht
waren, die Grünanlagen zum Nutzen der Bürger in gepfl egtem Zustand zu erhalten.
Bei den damaligen Überlegungen, den Johannisberg neu zu gestalten, sollte an
dieser Stelle keine neue Dominante zur gegenüber liegenden Sparrenburg entstehen.*
Ein Hotel mit Restaurant, Cáfe, Vereinsräumen und Festsälen in zurückhaltender
Bauweise wurde geplant. Auch über ein Kongresszentrum wurde diskutiert.

Das 1980 eröffnete Hotel ›Novotel‹ enttäuschte die Bevölkerung. Wie schön war doch
das ehemalige Schützenhaus mit seiner interessanten Fassade, der Café-Terrasse
und den üppigen Gartenanlagen gewesen!

Zur Regulierung des sehr stark zunehmenden Kfz-Verkehrs durch die Innenstadt und
den Bielefelder Pass wurde eine Entlastungsstraße für notwendig erachtet. Der Ende
der 70er Jahre begonnene Bau des Ostwestfalendamms bildete eine weitere Barriere
zwischen dem Johannisberg und der Innenstadt.

Die Parkanlage wurde nicht mehr so intensiv gepfl egt, Eschen und Ahornbäume
konnten ungehindert wachsen. Auf dem Osthang des Johannisberges und im
Winzer’schen Garten entstand ein Wald, der die Gebäude auf dem Johannisberg
fast vollständig verdeckte.
Seit dieser Zeit verlor der Johannisberg zunehmend
an Attraktivität für Bielefelder Bürgerinnen und Bürger.

Chronik des Johannisberges

939 ■ Der Johannisberg gehört wahrscheinlich zur Grundausstattung
des 939 gegründeten Stifts Schildesche; seinen Namen hat der Berg vom
Patron des Stifts ›St. Johannes‹.

1233 ■ Auf dem Tauschwege kommt der Johannisberg 1233 vom Besitz des
Stifts Schildesche in den des Grafen Ludwig von Ravensberg (Erbauer der
Sparrenburg im Jahr 1246). ■ Im Zuge der Stadtgründung um 1214 duldet
der Stadtherr die Abholzung des Johannisberges, der daraus entstehende
wirtschaftliche Schaden begründet schließlich diesen Tausch.

15. und 16. Jh. ■ Im 15. und 16. Jahrhundert erhält die Kaufmannsfamilie
von Greste den Johannisberg als Pfandbesitz. Im späteren Verlauf wird
der Berg an den Gläubiger Wilmanns veräußert und geht dann in den Besitz
der Stadt Bielefeld über. Die Stadt baut ein erstes Haus auf dem Johannisberg,
Gärten werden angelegt, ein Teil wird an Schäfer Scherpel verpachtet.
Im Sommer dient der südöstliche Hang den Bürgern als Ziegenweide und
Ackerland.

Beginn 18. Jh. ■ ›Amtscammer-Rath‹ und Landrentmeister Arnold
Schöneberg-Consbruch gestalten die ersten Parkanlagen am Fuße des
Johannisberges.

1776 ■ Der Erbpächter Ummelmann übernimmt die Schäferei auf dem
Johannisberg. ■ Zu Beginn des 19. Jh. erwirbt die Stadt den Berg Schritt
für Schritt zurück, um ihn als Erholungsgebiet für die Bielefelder Bürger
zu sichern.

1826 ■ Die Stadt verkauft den Johannisberg an den Paderborner Bankier
Meyer-Ruben, der das erste Haus am Berg errichtet.

1831 ■ Gründung der Bielefelder Schützengesellschaft

1840 ■ Eine Käufergruppe – Schützenoberst Rudolf Delius, Frau Bertelsmann,
Gustav und Gottfried Delius, die Herren Niemann und Johanning –
erwirbt den Johannisberg von Meyer-Rubens und übereignet ihn der
Schützengesellschaft.
■ Die Schützengesellschaft (in ihren Anfängen Zentrum einer liberalen bürgerlichen Bewegung in Bielefeld) baut
den Johannisberg zu einem Ort gesellschaftlicher Veranstaltungskultur um.
■ Neben der Parkanlage und einem repräsentativen Treppenaufgang werden
verschiedene Konzert- und Festräume gebaut:
■ 1857 Bau der hölzernen Tanz- und Weinhalle
■ 1858 Bau der ersten Tonhalle
■ 1872 Bau der Modersohnhallen
■ 1874 Neubau des Orchesterplatzes u.a.

1863 ■ Wegen des Baus der Bahnlinie Köln – Minden wird ein neuer Aufgang
zum Johannisberg erforderlich. Der bisherige Weg, der über den heutigen
Adenauerplatz führte, wird mit dem Eisenbahnbau abgeschnitten.

1869 ■ Anlässlich zahlreicher Sängerfeste (Bielefelder Liedertafel) erlangt
der Johannisberg Berühmtheit. 1869 sind die Dichter Ferdinand Freiligrath, Emil
Rittershaus und Hoffmann von Fallersleben unter den Gästen. Freiligrath wird
hier nach seiner Rückkehr aus dem Exil (London) gefeiert.

1895 ■ Am 10.05.1895 wird das neue große Schützenhaus auf dem Johannisberg
eingeweiht. Das repräsentative Gebäude in neugotischer Fassadengestaltung bildet
das Gegenstück zur Sparrenburg.

1914 ■ Das Schützenhaus dient als Lazarett für gefangene, verwundete Engländer,
Franzosen und Belgier; 1915 werden hier verwundete deutsche Soldaten untergebracht.

1921 ■ Das erste Schützenfest nach dem Ersten Weltkrieg wird wieder auf dem
Johannisberg gefeiert. Zu diesem Ereignis stiftet das Unteroffi zierskorps der Schützengesellschaft
ein Kontrollhäuschen, das heute noch erhalten ist.

1926–1930 ■ Vor dem Bau der Oetkerhalle ist der Johannisberg Mittelpunkt des
kulturellen Lebens der Stadt. Richard Tauber und Heinrich Schlusnus singen dort,
Lamping führt die Missa Solemnis auf, der Musikverein gibt regelmäßig Konzerte.

Im Zweiten Weltkrieg ■ Auf dem Festplatz des Johannisberges (Bethlem) wird im
Zweiten Weltkrieg ein Zwangsarbeiterlager errichtet: Rund 850 verschleppte Ukrainerinnen
müssen bei der Firma Dürkopp Zwangsarbeit leisten. Auf dem vorderen Berg
(Alt-Bethlem) befi ndet sich ein Lager für französische Kriegsgefangene.

1944 ■ Das Schützenhaus wird durch einen der schwersten Bombenangriffe auf
Bielefeld am 30.09.1944 zerstört.

1945 ■ Auflösung der Schützengesellschaft durch die Britische Militäradministration,
Beschlagnahmung des Vereinsvermögens.

1949 ■ Provisorischer Wiederaufbau des Schützenhauses; das erste Schützenfest
nach dem Krieg wird 1950 gefeiert.

1956 ■ Die Schützengesellschaft sieht sich aus wirtschaftlichen Gründen genötigt,
›ihren Berg‹ bis auf das 2,8 ha große Plateau an die Stadt Bielefeld zu verkaufen.

1980 ■ Eröffnung des Hotels ›Novotel‹ – heute ›Park Inn Bielefeld‹

ab 1980 ■ Der Johannisberg verschwindet zunehmend als Erholungs- und
Veranstaltungsort aus dem Blickpunkt der Bielefelder Bürgerinnen und Bürger.

2002-2004 ■ Der Landesverband Westfalen der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL) initiiert mit vielen Projektideen für den Brückenschlag zwischen Sparrenburg und Johannisberg die politische Diskussion und unterstützt das Freiraumplanerische Projekt StadtParkLandschaft des Umweltamtes der Stadt Bielefeld.

2004 ■ Veröffentlichung des von der Stadt Bielefeld in Auftrag gegebene Parkpflegewerks I unter dem Titel „Johannisberg im Konsens mit StadtParkLandschaft“ des auf Gartendenkmalpflege spezialisierten Planungsbüros L-A-E LandschaftsArchitekten Ehrig & Partner. In diesem Buch wird die geschichtliche Entwicklung des Johannisberges und seine noch vorhandenden gartenkünstlerische Artefakte dokumentiert. Das Parkpflegewerk I kann im Stadtarchiv eingesehen werden.

2007 ■ Bau eines Kletterparks auf dem Johannisberg.

2008 ■ Veröffentlichung des Parkpflegewerkes II nach achtmonatigem Bearbeitungszeitraum durch L-A-E LandschaftsArchitekten Ehrig & Partner. In diesem Buch mit integriertem Plansatz wird neben der Bestandsanalyse die gartendenkmalpflegerische Zielplanung für die historische Parklandschaft auf dem Johannisberg beschrieben und mit einem Maßnahmen- und Kostenkatalog zur realisierung in unterschiedlichen Bauabschnitten empfohlen.

2009 ■ Nach dem Parkpflegewerk werden erste Baumfällungen vorgenommen. Die Blickbeziehung vom Johannisberg zur Sparrenburg und zur Neustädter Kirche wird als erstes freigeschlagen.

2009-2011Die Drogenberatung e. V. entwickelt in Kooperation mit dem Umweltbetrieb der Stadt Bielefeld, dem Jobcenter Arbeitplus Bielefeld und der REGE mbH das assoziiertes Projekt „Erfahrungswerte III“ zur Arbeitsmarktintegration ehemals drogenabhängiger Menschen.
Über die Projektlaufzeit arbeiteten im Winzer`schen Garten mehr als 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer engagiert an der Freilegung von gartenkünstlerischen Artefakten und der Kultivierung der alten Gartenanlage mit.

2010-2011 ■ Bau des Park- und Festplatzes und der Straßenverlegung aus dem Park auf die Seite des Festplatzes auf dem hinteren Johannisberg. Die planerische Umsetzung und Bauleitung wird durch das Büro L-A-E LandschaftsArchitektur Ehrig & Partner geleistet. Das Geld für die Baumaßnahmen kommt aus den Mitteln für das Konjunkturpaket II.

2011-2012 ■ Planung und Bauleitung des Ausbaus auf dem vorderen Johannisberg von der Kaselowskystraße bis zum Rondel am Hotel und der Hochstraße durch das Büro L-A-E LandschaftsArchitektur Ehrig & Partner. Die finanziellen Mittel werden vom ISB zur Verfügung gestellt.

2012 ■ Der Landesverband Westfalen der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur ruft am 15.06.2012 zur Gründung einer gemeinnützigen Gesellschaft auf, die sich um den Erhalt des Winzer’schen Gartens bemühen soll. Auf der Sitzung im ParkInn Hotel wird ein dementsprechender Satzungsentwurf erarbeitet.

2012-2013 ■ Die Entwurfs-, Ausführungsplanung und Bauleitung im Winzer’schen Garten werden durch das BüroL-A-E LandschaftsArchitektur Ehrig & Partner durchgeführt. Die ersten Reben kommen im Frühjahr 2013 in den Garten.

Am 15.01.2013 ■ gründet sich offiziell die Gesellschaft Winzer’scher Garten am Johannisberg (GWG) und präsentiert sich zum gemeinsamen Neujahresempfang im Lessinghaus mit der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur der Öffentlichkeit.