historischer Garten

Ein vergessener und vollkommen verwucherter Villengarten, der hoch über den Dächern der Stadt schlummert – kaum zehn Minuten vom Zentrum entfernt. Das ist der Winzersche Garten – die unbekannte Schönheit. Denn den meisten Bielefelder Bürgerinnen und Bürgern ist der Winzersche Garten auf dem Johannisberg bis heute kein Begriff. Und das trotz seiner inzwischen rund 140-jährigen Geschichte.

Luftaufnahme aus den 1930er Jahren vom Johannisberg mit seinem Schützenhof

Luftaufnahme aus den 1930er Jahren vom Johannisberg mit seinem Schützenhof

Die Geschichte des Winzer’schen Gartens ist nur im Zusammenhang der Gesamtentwicklung des Freiraumes auf dem Johannisberg zu verstehen. Der Johannisberg war spätestens seit dem Bau des schlossartigen Schützenhauses der etablierte Treffpunkt für die Bielefelder Gesellschaft. Somit entstand parallel mit dem Bedeutungszuwachs der Schützengesellschaft am Hang und am Fuße des Johannisberges eine bevorzugte Wohngegend mit beeindruckenden Villenbauten. Die Anfänge des Gartens gehen zurück auf das Jahr 1869, in dem der Textilunternehmer Carl Wilhelm Winzer seine 300 mgroße Villa auf dem Johannisberg errichten ließ. In den darauf folgenden Jahren wurden auf dem umliegenden Grundstück Grünflächen, Beete, der steinerne Torbogen, ein Unterstellplatz für Kutschen und sogar eine Tuffsteingrotte angelegt. So erwuchs der Winzersche Garten nach und nach zu voller Pracht. Winzer verstarb im Jahr 1898, woraufhin seine Witwe die Stadt verließ, um zurück in ihre Heimat Bremen zu gehen. Nachdem das Haus samt Grundstück 1921 in den Besitz der Unternehmerfamilien Dürkopp und Oetker wechselte.

Luftbild von 1933 mit der Winzer'schen Villa und ihrem Garten

Luftbild von 1933 mit der Winzer’schen Villa und dem Garten

Im Krieg führte die Passsituation mit Ihrer Eisenbahnlinie dann zu starken Bombardements. Wobei das eigentliche Ziel der Alliierten, die Eisenbahn, konsequent verfehlt wurde und links und rechts der Trasse zahlreiche Treffer die Villen zerstörten. Am 30. September 1944 erlebte Bielefeld seinen schwersten Luftangriff während des zweiten Weltkriegs. Die gesamte Innenstadt und auch das Winzersche Anwesen wurden zerstört, ebenso der Schützenhof.

1950 Ruine des Schützenhofes auf dem Johannisberg

1950 Ruine des Schützenhofes auf dem Johannisberg

Im Jahr 1953 kam das Grundstück der Winzer‘schen Villa durch Kauf an die Stadt Bielefeld. Der §7 des Kaufvertrages besagt: „Die Käuferin wird den oberen Teil des Grundstücks Hochstraße 10, soweit er an den durch diesen Vertrag seitens der Stadt erworbenen Grundbesitz grenzt, in die Grünanlagen des Johannisberges einbeziehen.“

1970er Jahre Blick vom Winzerschen Garten zur Kunsthalle zur Altstätter und Neustätter Kirche

1970er Jahre Blick vom Winzerschen Garten zur Kunsthalle zur Altstätter und Neustätter Kirche

Damit bestand die Verpflichtung, den verbrachten Freiraum des Winzer‘schen Gartens bei einer planerischen Überarbeitung des Johannisberges in eine Zielplanung einzubinden. Die Flächen des Winzer‘schen Gartens sind im Leitplan der Stadt Bielefeld zwar seit dem 05.01.1955 als Grünflächen und Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen worden, doch sollten noch Jahrzehnte vergehen, ehe der Garten mit seinem wucherndem Brombeergestrüpp aus dem „Dornröschenschlaf“ geweckt werden konnte.

Ludftbild aus den 1980er Jahren vom Johannisberg mit dem Winzerschen Garten, indem der spontane Gehölzaufwuchs gut zu erkennen ist

Ludftbild aus den 1980er Jahren vom Johannisberg mit dem Winzerschen Garten, indem der spontane Gehölzaufwuchs gut zu erkennen ist

In den Jahren 2002 bis 2004 initiierte der Landesverband Westfalen der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL) unter Federführung von Herrn Höft, Herrn Gasse und der damaligen Vorsitzenden Frau Hilker mit vielen Projektideen für den Brückenschlag zwischen Sparrenburg und Johannisberg die politische Diskussion und unterstützte, das zeitgleich im Umweltamt durch Herrn Frank initiierte freiraumplanerische Projekt StadtParkLandschaft. Ziel der DGGL-Initiative war es, die Bedeutung der grünen Zwischenräume stärker bewusst zu machen und deren Wertschätzung in der Bevölkerung und im politischen Raum weiter zu steigern.

Bereits Anfang des Jahres 2004 lag dann unter dem Titel „Der Johannisberg im Konsens mit StadtParkLandschaft“ eine planerische Konzeptidee, des LandschaftsArchitekturbüros Ehrig in Zusammenarbeit mit Museumsreif, für die Freiräume auf dem Johannisberg vor.

Eine erste Aufforderung zum konkreten gemeinsamem Tun war im Folgenden ein, in Kooperation mit der Stadt Bielefeld, dem interdisziplinären Arbeitskreis der Universität Bielefeld „Bielefeld 2000plus“ und der DGGL Westfalen organisierter Streifzug zu Fuß durch das Bielefelder Grün bzw. den Johannisberg am 25. Juni 2004. Zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmern bekamen von prominenten Bielefeldern an vier Orten auf der Wegstrecke verschiedene Standpunkte zum Stadtgrün vorgestellt. Für die Wanderung konnten unter anderen der Bielefelder Oberbürgermeister Eberhard David, der Detmolder Regierungspräsident Andreas Wiebe und der Direktor der Kunsthalle Bielefeld Dr. Thomas Kellein gewonnen werden.

Am 25. Juni 2004 organisierte der Landesverband Westfalen der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskulutr (DGGL) Westfalen einen Streifzug zu Fuß durch das Bielefelder Grün. Die Wanderung führte auch über die Wiesentreppe auf dem Johannisberg und dem Winzer'schen Garten vorbei.

Am 25. Juni 2004 organisierte der Landesverband Westfalen der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskulutr (DGGL) Westfalen einen Streifzug zu Fuß durch das Bielefelder Grün. Die Wanderung führte auch über die Wiesentreppe auf dem Johannisberg und dem Winzer’schen Garten vorbei.

Es vergingen dann nochmals drei Jahre ehe 2008 eine weiterführende Beauftragung erfolgte und das Parkpflegewerk für den Johannisberg durch das Büro L-A-E LandschaftsArchitektur Ehrig erarbeitet und vorgestellt werden konnte. Auf ca. 170 Seiten und einem Plansatz aus 14 Plänen wurde der Bestand analysiert, und aus den Ergebnissen die Zielplanung abgeleitet. Innerhalb eines konkreten Maßnahmen- und Kostenkatalogs wurde dargestellt wie eine erneute Inwertsetzung der historischen Parkanlage auf dem Johannisberg umgesetzt werden könnte.

2008 Zielplanung für die historische Parklandschaft auf dem Johannisberg des Büros L-A-E LandschaftsArchitekten Ehrig & Partner

2008 Zielplanung für die historische Parklandschaft auf dem Johannisberg des Büros L-A-E LandschaftsArchitekten Ehrig & Partner

Im August wurde das Parkpflegewerk mit seiner Zielplanung und den sich hieraus ergebenden Baunettokosten in Höhe von ca. 1.800.000 € der Politik vorgestellt. Einen Monat später, im September 2008 spitzte sich die weltweite Finanzkriese zu und die Umsetzung der Planung erschien vor diesem Hintergrund in weite Ferne zu rücken. Zumal der Wahlkampf 2009 den Beschluss zur Umsetzung des Parkpflegewerkes zu einem zähen politischen Ringen werden ließ. Die unerwartete Bereitstellung von Finanzmitteln aus dem Konjunkturpaket II der Bundesregierung gab dann den Startschuss dafür, den Freiraum auf dem Johannisberg baulich zu qualifizieren.

2012 Blickbeziehung vom Johannisberg zur Sparrenburg, Foto: E. E. Ehrig Landschaftsarchitekt BDLA

2012 Blickbeziehung vom Johannisberg zur Sparrenburg, Foto: E. E. Ehrig Landschaftsarchitekt BDLA

Ab 2009 konnten die Blickbeziehungen vom Winzer’schen Garten über den Bielefelder Pass im Rahmen der Umsetzung des Parkpflegewerkes II für den Johannisberg wieder hergestellt werden. Seit 2010 wurde darüber hinaus der historische Park auf dem Johannisberg gartendenkmalpflegerisch in Wert gesetzt, so dass mit weiteren Maßnahmen ein neuer Erholungs- und Erlebnisraum für die Stadt Bielefeld entstand. Der Winzer’sche Garten bildete innerhalb der Bautätigkeiten den letzten Bauabschnitt.

Damit der Winzer’sche Garten nicht über die Bautätigkeit auf dem Park- und Festplatz und dem historischen Park auf dem Johannisberg erneut in Vergessenheit geraten konnte, begannen ab 2010 Drogenberatung e.V. und Umweltbetrieb der Stadt Bielefeld mit der Freilegung von Wegen, Treppen und Mauern. Brombeeren und Efeu wurden zurückgeschnitten, alte Fundstücke gesammelt und archiviert. So zum Beispiel eine alte Mineralwasserflasche mit Keramikverschluss aus den 50er-Jahren.

Im Herbst war es dann soweit und unter der Leitung der LandschaftsArchitekten Ehrig konnten der Winzer‘sche Garten als letzter Bauabschnitt begonnen werden. Die Wege wurden erneuert, der Übergang zum historischen Park wurde ausgebaut und das Mauerwerk am Steintisch und Steintor wurde restauriert.

2011 in Bauabschnitte eingeteilter Entwurf von L-A-E Landschaftsarchitekten Ehrig & Partner für den Winzer'schen Garten am Johannisberg

2011 in Bauabschnitte eingeteilter Entwurf von L-A-E Landschaftsarchitekten Ehrig & Partner für den Winzer’schen Garten am Johannisberg

Im Frühjahr 2013 werden nun die ersten Weinstöcke sowie neuangelegte Blumen- und Gemüsebeete dem Garten wieder etwas von seinem ursprünglichen Glanz zurückgeben. Die Pflanzung von Obstbäumen ist ebenfalls für das Frühjahr geplant. Sonnenliegen sollen die Spaziergänger im Sommer dazu einladen, den herrlichen Blick über die Stadt zu genießen. Und es gibt weitere große Pläne.

Mit der Gründung des Fördervereins Gesellschaft Winzerscher Garten am Johannisberg e.V. wird die zukünftige Entwicklung dieses in Bielefeld einzigartigen Gartendenkmals auf ein solides Fundament gestellt und auch die Pflege des neuangelegten Weinberges gewährleistet. Aufgrund der sonnigen Südlage sind die Vorraussetzungen für den heimischen Weinanbau besonders gut geeignet. Zwar wird eine groß angelegte Produktion von heimischem Wein damit wohl nicht möglich sein, aber einen eindrucksvollen Anblick dürfte ein Weinberg mit den romantischen Kleinarchitekturen aus Torbogen und Grotte vis-à-vis der Sparrenburg abgeben.